Citroën 2CV6: Besser als gedacht - Fünfzehn Jahre im Leben einer Portugalente

Neulich in einem Aachener Straßencafé: Bei hochjahrhundertsommerlichen Temperaturen verstummen plötzlich am Nebentisch ob des gerade vorbeifahrenden Renault R16 die Gespräche über den letzten Yachturlaub am Ijsselmeer. Nach ein paar andächtigen Blicken fasst man sich wieder. "Das muss wohl ein Peugeot oder Citroën gewesen sein. Typisch französisch." 
Soviel sichtbare Anerkennung nutzt der ohnehin schon monologisierende Nestor von nebenan nun zum Gegenschlag. "Vor allem die Ente war ja das allerletzte. Die Dinger waren schon nach kürzester Zeit durch. Kann man nicht mit einem Golf vergleichen." 

Tatsächlich war es ja bis vor ein paar Jahren so, dass in jedem Gebrauchtwagenführer vor dem Citroën 2CV gewarnt wurde. Während die Unterstellung, dass Enten schon im Prospekt mit dem Rosten begonnen hätten, hiermit ein für allemal ins Reich der Fabeln verbannt wird: Es gehört zur historischen Wahrheit, dass gerade in den achtziger Jahren häufig schon nach wenigen Jahren umfangreiche Garantiearbeiten ausgeführt werden mussten. Manchmal waren es Anbauteile wie Lüfterklappen oder Türen, zumeist wurde jedoch gleich der ganze Rahmen wegen fortgeschrittenem Rostfraß gewechselt.

 
Flüchtiges Erinnerungsfoto der Neuerwerbung im Februar 1991.

Dass es auch anders geht, beweist die hier vorgestellte Portugalente aus dem Baujahr 1988. Denn anders als viele ihrer Artgenossen erfreut sie sich auch im Alter von fünfzehn Jahren noch bester Gesundheit. Und das nach vielen Wintern und weit über 130000 Kilometern. 

 
Nach der Rostvorsorge war die Ente dem Status einer Übergangslösung entwachsen.

Als buchstäbliches Scheidungsopfer mit Monaten in anwaltlicher Verkaufssperre landet das schneeweiße Entlein irgendwann im Herbst 1990 bei einem Gebrauchtwagenhändler. Für gute 6000 DM wechselt das knapp zweieinhalb Jahre alte Fahrzeug dann im Februar 1991 in den Besitz des heutigen Eigentümers. "Für mich war das ein Kauf aus rationalen Gründen: Ich brauchte ein relativ neues aber preiswertes Auto. Irgendwie ist mir die Ente in den Sinn gekommen. Leider ein paar Monate zu spät, sonst wäre es sicher eine Neue geworden."
 
Damals entscheidet sich das Schicksal positiv für die im portugiesischen Mangualde produzierte Ente. "Ich hatte vorher nie am Steuer einer Ente gesessen. Und als ich dann das erste Mal Platz nehmen durfte, war ich vom Flair des Autos beeindruckt. Es war Liebe auf den ersten Blick".

Da sich aufgrund der Standzeit im langen und feuchten Winter 90/91 bereits einige Roststellen bemerkbar machen, kommt die Radikalkur: Bei nächster Gelegenheit folgt die Demontage von Türen, Hauben, Kotflügeln und Scheiben, um die bestehenden Korrosionsstellen zu bekämpfen und künftige Rostnester direkt im Vorfeld zu verhindern. Dabei leistet neben der damals noch nicht abgeschwächten Sonax-Politur vor allem ein chemisches Hilfsmittel gute Dienste: Das ARAL-Mehrzweckfett in Kilogebinden. Per Pinsel am gesamten Chassis aufgetragen hilft das eigentlich zum Abschmieren gedachte Fett bei der Rostvorsorge. Augenscheinlich verbindet körperliche Arbeit auch rein emotional Mensch und Auto: Nachdem die Ente vom Flugrost befreit und wintertauglich gemacht worden ist, tritt das eigentliche Motiv des Entenkaufes in den Hintergrund. "Mir war schon zum damaligen Zeitpunkt ganz klar: Die Ente gibst Du nicht mehr her. Und angesichts der von mir beseitigten Rostschäden war auch klar: Wenn du lange mit ihr fahren willst, dann musst du sie entsprechend pflegen."

Angesichts des Erhaltungszustandes der Ente im Frühjahr 2003 scheint sich der Vorsatz zu bestätigen. Denn abgesehen von ein paar kleineren Beulen - und zu jeder einzelnen gibt es eine Geschichte - präsentiert sie sich in einem überdurchschnittlichen Originalzustand. Nicht ganz ins Bild passen die beiden hinteren Felgen, denn sie sind ententypisch korrodiert. "Früher lieferte mir mein Michelin-Händler die Felgen beim Reifenkauf gleich mit. Beim letzten Mal hat er es nicht übers Herz gebracht mir zu sagen, dass es keine neuen Felgen mehr gibt. Er ist stattdessen zum nächsten Schrottplatz, hat dort die besten Felgen rausgesucht, sie poliert und dann die Reifen aufgezogen. Beim nächsten Mal muss ich wohl mal welche strahlen lassen. Habe zwar schon mal neue gesehen, die sind aber wohl nicht von Michelin, haben keinerlei Prüfziffern. Und mit solchen Bauteilen sollte man besser keine Experimente machen." 

 
Citroën bescheinigte 1991: "Ihre Ente ist in Mangualde/Portugal hergestellt worden."

Doch zurück in die Vergangenheit. Ein paar Wochen nach dem Entenkauf folgt die erste von drei (!!!) Pannen seit 1991. An einer viel befahrenen Kreuzung stirbt der Motor ab und lässt sich nicht mehr starten. Mobiltelefone sind damals kaum verbreitet. Dafür gibt es noch an jeder Ecke die gelben Münzfernsprecher. "Nachdem dort telefonisch keine Hilfe zu erreichen war, machte ich mich resigniert wieder in Richtung Ente auf. Dort angekommen warteten dann gleich zwei weitere Entenfahrer. Einer von ihnen hatte den Übeltäter schnell ausgemacht: Ich kannte mich mit der Technik anfangs ja nicht aus und wusste natürlich nicht, dass unter dem Windblech noch ein Keilriemen sitzt. Und der war gerissen ... Im Nachhinein kann ich dem Keilriemen dankbar sein, denn so fand ich schnell Anschluß an die Entenszene."



 

 

 

 

 



Bergfest: 40000 Kilometer oberhalb von Martigny, 1993.

Was denn in den Jahren noch kaputt gegangen ist, wollen wir wissen. "Nach dem Keilriemen gab irgendwann die Benzinpumpe ihren Geist auf. Das machte sich schon ein paar Tage vorher durch schlechten Motorlauf bemerkbar. Dann gab es noch einen kaputten Anlasser - aber dafür hat man ja die Kurbel. Und irgendwann auf einer Fahrt durch die französischen Alpen waren die Kohlen der Lichtmaschine runter." 

Und das war alles? 

"Außer den regelmäßigen Inspektionen - ich war ganz im Anfang einmal bei Citroën und hab´ das dann lieber selbst gemacht - war da nichts Nennenwertes. Zweimal die hintere Bremse und vordere Beläge. Ansonsten nichts an Defekten. Außer den Sachen die ich selbst mal kaputt geschraubt habe. Lehrgeld eben. Ich habe allerdings etliche Teile immer mal wieder gegen Neuteile ausgewechselt. Zum Beispiel die Lüfterklappe und die Stoßstangen. Die originalen hielten mit entsprechender Konservierung sicher fünf oder sechs Jahre. Die Nachbaudinger hatten allerdings schon nach ein paar Monaten Rostschäden. Übrigens ein ähnliches Phänomen wie bei den Fensterhaltern." so der 2CV6-Fahrer weiter. "Bei den Nachbauten bricht häufig nach kürzester Zeit der Draht und wenn man dann nicht aufpasst, ist es um die Finger geschehen."

Einen weiteren Defekt können wir dann mit der Frage nach dem kurzen Lampenträger doch noch aufdecken. "Irgendwann schleppte ein Freund den alten Dreirippen-Grill an. Hab ich natürlich eingebaut. Kurze Zeit später fand ich dann auf einem Schrottplatz eine ehemalige Post-AZU mit rostfreiem Lampenträger für die Scheinwerfer mit altem Bilux-Sockel und Kontroll-Lämpchen in den Töpfen. Da ich ohnehin Probleme mit der Stromversorgung der Scheinwerfer hatte - die Kabel hatten sich an der Klammer unter dem Luftfilter durchgescheuert - habe ich dann gleich alles überarbeitet."

Im harten Alltagsbetrieb bewährt sich das 28PS-Gefährt in täglichen 100-Kilometer-Autobahnfahrten und einigen harten Wintern. "Ich hab es ja nicht glauben wollen, aber die Ente mit ihrer 125er Michelin-Bereifung stellt in Mittelgebirgen viele moderne Autos in den Schatten. Lediglich die Abdichtung gegen Wasser hätte besser ausfallen können. Ich habe im Winter allerdings täglich die Tageszeitung unter die Fußmatten gelegt. Und abends natürlich wieder rausgenommen." Bei dieser Gelegenheit wird der Unterboden der Ente mindestens einmal in der Woche mittels Wasser vom Salz befreit. In Verbindung mit dem satten Fettüberzug eine wohl dauerhafte Lösung. Darüber hinaus steht die Ente nachts in einer Garage. Im Sommer dann ausgedehnte Urlaubsfahrten. "Bei Langstreckenfahrten überzeugt dich die Ente letztlich endgültig. Die unbedingte Zuverlässigkeit des Ganzen, Kilometer um Kilometer untermalt vom Sound des Motors. Das hat Suchtcharakter." 

Minol - Und gute (Enten-)Fahrt

 

 

 

 

 

 

 

Als Minol noch Minol hieß und Benzin 1,50 DM kostete ... Eisenach, 1996.

Und wie soll es weitergehen? Einmal Ente, immer Ente? Schon mal an eine Therapie gedacht? Er lacht. "Einmal Ente, immer Ente! Ich hab´ damals Wetten abgeschlossen, die Ente mindestens 20 Jahre zu fahren. Acht Jahre habe ich also noch. Demnächst steht allerdings ein Rahmenwechsel an. Nach fünfzehn Jahren ist das okay, oder?"

Das ist nach fünfzehn Jahren völlig okay


Gesundes Federvieh: Die Portugalente im Frühjahr 2003.

Bericht von Hans-Peter Ritter 

26.08.03